AKT II. – Corona und andere Bestialitäten

Einzige Szene –  Quarantäne in Bha-haüdschen (Gesundheit)

Ein Monat nach der Rückkehr, Johann ist in seinem ehemaligem Zimmer. Ihm fällt die Decke förmlich auf den Kopf. Alb-traumhaft reißt ihn der Anblick auseinander – es hat sich nichts verändert.

MONTAGE aus Realität und Wunschdenken: Johann liegt mit offenen Augen im Bett/er arbeitet am Konzept der geplanten Kurzdokumentation; Johann starrt ins Leere auf einer Parkbank/er spaziert am Strand; Johann liegt mit offenen Augen im Bett/er bereitet eine Kunstarbeit für die Kinder und Jugendlichen vor; etc.

Johann: Ich halt das nicht mehr aus – Fuck you, Corona! Just fuck you.

Johann nimmt sich ein Buch (Jean-Paul Sartre – Dramen), zieht sich an und geht nach draußen. Er setzt sich auf die erste Bank neben den Reichen-Turm und liest.

Vereinzelt gehen Passanten vorbei und ab und an blickt Johann auf. Er zwingt sich ein Lächeln auf die Lippen.

Johann (Voice Over): Lächeln und Winken, Männer. Lächeln und Winken.

Er liest weiter.

Frauenstimme: Ah! Der Herr Olenitsch ist ja auch wieder da? Wann ham die dich denn wieder zurück kommen lassen? Du musst ja schon ne Weile wieder im herrlichen Bautzen sein, ne?

Johann blickt auf, sieht seine ehemalige Kunstlehrerin und setzt ein ehrliches Lächeln auf. 

Folgendes Gespräch passiert mit drei Meter Abstand zwischen den Gesprächspartner.

Johann: Frohe Ostern, Frau Müller! Ja, bin schon seit nem Monat wieder in … in der ‚Heimat‘. Ich musste zurück. Dienstag erfahren, Samstag geflogen.

Frau Müller: Ach, Mensch. Das muss ja richtig ärgerlich sein, einfach so aus dem Leben jerissen. Der Abschied fiel bestimmt schwer, hmh?

Johann: Hmh.

Frau Müller: Hmh … Weißt du, mein Mann und ich, wir mussten unseren Urlaub auch abblasen. Wir hatten schon sämtliche Flüge gebucht. Wer weiß, ob wir überhaupt das Geld wieder zurück bekommen. Das ist schon echt ärgerlich –

Johann: – beschissen.

Frau Müller: So kann man das auch sagen. … Aber weißt du Johann, das Wichtigste ist, dass wir in Sicherheit sind und dass wir das Beste draus machen. Wie sieht’s denn aus? Was machst du denn nun? Studium, Ausbildung?

Johann: Hmh, naja im Moment lese ich nur mein Buch und versuche nicht am Rad zu drehen.

Frau Müller lacht. Johann weint innerlich.

Johann: Ansonsten, joa … Das Beste draus machen. Momentan weiß ich nicht weiter.

Frau Müller: Ich weiß noch, du wolltest doch was mit Filmen machen. Steht das noch?

Johann: Ja, denke schon.

Johann (Voice Over): Nein, bin total planlos.

Frau Müller: Johann, das wird schon. Lass den Kopf nicht hängen. Noch eine schöne Osterzeit. Lieben Gruß an die Familie.

Johann: Danke, richte ich aus.

Johann (Voice Over): Das werde ich bestimmt vergessen.

Frau Müller: Hast dir ja ’n tolles Plätzchen zum Lesen ausgesucht. Na gut, tschüss.

Johann: Auf Wiedersehn.

Frau Müller winkt zum Abschied und geht weiter. Johann versinkt im Buch. Es vergeht eine halbe Stunde. Johann legt das Buch beiseite. Ein Mann Mitte 30 fährt an ihm langsam vorbei und sie schauen sich an. Johann nickt höflich, lächelt und schlägt das Buch wieder auf. 

Der Mann schaut weiter auf Johann. Nach 20 Metern bleibt er stehen, dreht sich um und schreit.

Mann: Kennwa uns?

Johann (Voice Over): Noch nicht.

Johann schüttelt den Kopf, der Mann brummt etwas vor sich hin und fährt weiter. 

Es vergehen fünf Minuten. 

– L a u t e s Bremsgeräusch –

Johann schreckt auf, blickt vom Buch auf und direkt vor ihm bremst der Mann auf dem Rad.

Folgendes Gespräch passiert mit 0,5 Meter Abstand zwischen den Gesprächspartner.

Mann (wütend): Sach ma‘. Warum grüssdn misch? Kennwa uns, oda wa?

Johann (stockend): W-wie bitte?

Mann: Hasd misch scho rischdsch verstande – ob wir uns kenne, habsch gefrachd?

Johann: Nein, nicht das ich wüs-

Mann: Na, warum grüssd misch also?

Johann: Ein-einfach n-nur aus Höfli…

Mann (angeekelt): Bisd du schwul?!

Johann: Nein, ja … doch, bin ich. Ich bin homose-

Mann (schreit): Was fällt dir ein, scheiß Schwuchtel!

Der Mann ballt seine Faust und hält sie Johann unter die Nase.

Mann: Willste was von mia?

Johann: Nein, i-ich wollte n-nur frohe Ostern wünschen.

Mann (lacht auf): Ja-ha! Ge-nau. Frohe Ostern wollte die dumme Sau wünschen – das isch ne lache!

Der Mann setzt sich wieder auf sein Rad und fährt weg. Johann atmet auf.

Mann (rufend): Frohe Ostern, ARSCHLOCH!

Johann ist sprachlos und bleibt wie angewurzelt auf der Bank sitzen. Er schaut sich um. Es vergeht eine Ewigkeit. Plötzlich platzt es aus Johann heraus und er fängt lauthals an zu lachen. Einige Passanten blicken schräg auf den kleinen lachenden Mann auf der Bank.

Johann wischt sich die Tränen aus den Augen.

Johann: Ich liebe Bautzen.

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