Bordeaux in der Luft

„Auf die Plätze“, sagte die Stewardess, „fertig“, dachte mein Kopf, „los“ flüsterte ich.

Und der flieger hebte ab. Endlich!
Singapur – Medan80 Minuten in der Luft, Aussicht genießen und meine ersten Worte Bahasa Indonesia endlich endlich aus mir herauslassen, darauf hatte ich mich lange gefreut.
Darf ich die heutige Besatzung vorstellen? 99,99999% , in etwa der ganze Flieger bestand aus indonesischen Passagieren. Und jetzt pass‘ auf: Neben mir zwei Französinnen – die Wahrscheinlichkleit für diesen höchstinteressanten stochastischen Fall ist ein und dieselbe, wie eine Nadel im Ameisenhaufen zu finden.
Mein Fehler – dachte ich. Das ist jetzt nicht wahr – sprach ich laut aus! Ich selber wählte online diesen doofen Sitzplatz aus. Alles was ich mir gewünscht hatte, war ein Fensterplatz, und von denen waren bei meiner Buchung beinahe alle grün gefärbt – noch nicht besetzt gewesen. Doch Emily wählte Sitz 20A.
Ich gab mein bestes herauszufinden, was das Gute an dieser Situation war. Wie auf dem Erdboden, so in der Luft. Was war das Gute daran? Was war der Grund, dass ich nicht nun endlich ein Wort Bahasa Indonesia von mir geben konnte, worauf ich doch so lange gewartet habe… ? Warum versperrte der dichte Sitz vor mir und meine Kopflehne hinter mir, den Zugang zu den Menschen, die ich nun so gerne kennenlernen würde?

Ich lasse es dich gerne wissen.
Bordeaux in der Luft hat mir gut getan. Ich habe volle Kanne nochmal, nun werde ich es ja 12 Monate nicht tun können, mein liebes Französisch von meiner Seele geredet.
Nachdem mir eine Träne runtergekullert, der morgendliche Snack der Singapur Airlines im Magen gelandet war und ich die wunderschöne Schöpfung bewundert habe lernte ich die beiden Lieben kennen.
Ich liebe Frankreich, an der Côte d’Azur fühle ich mich zuhause. „Bordeaux“ hatte ich zuletzt im September 2015 auf einem Wegweiser bei unserem Familienurlaub Richtung Südfrankreich auf der Autofahrt gelesen. Das ist also der Ursprung der zweien. Das wunderschöne Frankreich! Ich war neugierig, fragte, interessierte mich von tiefstem Herzen, wir quatschten. Die beiden waren interessant! Bordeaux würde ich gerne kennenlernen. Doch erstmal Sumatra.

Sie machen eine 14-tägige Indonesien-Tour. Kurztrip Indonesien. 336 Stunden (falls sie die Nächte durchmachen) bleiben ihnen für den Archipelstaat mit den meisten Inseln der Welt, 17.508 an der Zahl. 336 Stunden für 2,02 Millionen Quadratmeter.
Mir wurde schummrig. Ob eine Minute übrig bleibt, um die wahre Kultur des Landes kennenzulernen? Werden sie an Orte kommen, an denen die Knips-Geräusche der Kameras und nächtliche Blitzlichtgewitter die Geräusche der wunderbaren Natur und deren Wesen lautstark übertönen?

Dennoch freute ich mich für sie. Sie haben ein durchgetaktes Programm, von dem ich euch ihren „jour 1“ bis „jour 4“ zeigen möchte (siehe unten). Meine Gedanken sagten mir, sie freuen sich sicherlich, auf ihren „transfer en minibus privatif“, Transfer im privaten Minibus, eine Note spannender wäre es aber doch, mit einem öffentlichen Verkehrsmittel oder statt den „repas inclus“, inkludierten Mahlzeiten im Hotel, lokales, indonesisches Essen zu testen.
Wag es  bloß nicht zu denken, ich wagte es, meine Gedanken laut auszusprechen. Manchmal kann ich mich zusammenreißen. Immerhin manchmal. Ich glaube diesesmal habe ich den richtigen Moment gewählt.

Ich war den beiden dankbar, sie haben mir eine Brise Bordeaux in der Luft geschenkt.
Und noch immer sind sie in meinen Gedanken gefangen und ich denke „bon voyage“, obwohl ihre Reise in fünf Tagen zuende geht.

Meine beginnt nun.
Ich habe noch 350 und paar zerquetschte Tage Zeit.

Landung – Blick auf Medan
Snack – Danke Singapur Airlines, der Tee wärmte meine Seele
Tag 1 bis Tag 4 der Französinnen.
Der Beweis für den gesegneten Fensterplatz 20A

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