Zurück

Am 17. märz erreichte alle vem-Freiwilligen die Nachricht, dass wir unsere Einsatzländer verlassen müssen – zurück nach Deutschland. Und das ganz bald.


Wegen des Coronavirus hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) die Entscheidung getroffen, alle 3000 weltwärts-Freiwilligen zurück nach Deutschland zu holen.
Statt einer Rückreise nach 12 geplanten Monaten Aufenthalt am 29. August 2020, sollte es nun schon am 22. März für mich  zurück gehen.
Noch am Vorabend, bevor wir darüber informiert wurden, sprach ich mit meiner Schwester, die sich in Brasilien befand, über den aktuellen Zustand. „Wie würdest du dich fühlen, wenn du frühzeitig zurück müsstest?“, fragte sie mich. Darüber brauche ich jetzt noch nicht nachzudenken, ich glaube kaum, dass das mal der Fall sein wird, dachte ich mir. Die Überlegung den Freiwilligendienst abbrechen zu müssen schien mir sehr fern, irgendwie übertrieben, wohl kaum muss ich von hier weg, wo die Lage hier so viel entspannter ist, als in meinem Heimatland Deutschland.

Doch die so, wie ich dachte realitätsferne Überlegung meiner Schwester wurde schon am nächsten Morgen wahr. Schockiert überfielen mich Gedanken, wie die nächsten Tage aussehen würden. Meine Wohnung verlassen, alles packen, mich Verabschieden, ein letztes Mal mit der Bkm-Familie Andacht feiern, mit den Kids Tischtennis spielen, ein letztes Mal auf den traditionellen Markt in der Stadt, Avocado-Saft trinken, ein letztes Mal mir wichtig gewordene Menschen sehen. Ein letztes Mal – und dann zurück.

Den Nachmittag des 17.3. verbrachte ich spielend mit ein paar Kindern, die bereits schulfrei hatten, auf meiner Terasse. Meine Gedanken ringten währenddessen damit, wie ich den Erzieherinnen und Kindern die Nachricht übermitteln sollte.
Bis zum Abend wartete ich, dann sprach ich mit der Chefin des Bkms.
Es folgten Tage, in denen ich häufig gefragt wurde „Wie ist die Lage denn in Deutschland?“. Spätestens dann fragten sich die meisten, warum ich nun in ein Gebiet gehen soll, in dem es schon so viele Corona-Fälle gibt, wo ich doch hier auf Sumatra so sicher bin. Ich stieß häufig auf Unverständnis und fragende Gesichter.

In der Woche vor meiner Abreise sah ich, dass Apotheken mit kleinen Plakaten darüber informierten, alle Desinfektionsmittel und Mundschutze seien ausverkauft. Und das, obwohl lediglich in der Hauptstadt Sumatras, Medan ein einziger Fall bekannt war, dachte ich und war überrascht. Sarmen, ein Mitarbeiter der Kirche erzählte mir auf unserer Fahrt zum Immigration Office, bei dem ich mir noch die Erlaubnis zum Verlassen des Landes holen sollte, dass bereits zur Zeit, in der das Virus in China ausgebrochen ist, Masken und Desinfektionsmittel aus Siantar nach China verkauft worden seien. Er habe Angst, wenn sie sie einmal bräuchten, vielleicht sogar bald, gibt es nicht genug.

Ein Abschiedsabend mit allen Kindern, Jugendlichen und Erzieherinnen des BKMs bot die Möglichkeit, mich von allen gut zu verabschieden. Wir sangen gemeinsam, beteten, jedes Kind widmete mir ein paar Worte und auch ich konnte das auf indonesisch zu Wort bringen, was mir auf dem Herzen lag. Gemeinsam aßen wir zu Abend, aßen Kuchen und machten viele Bilder.

Die letzte Nacht verbrachte ich bei meiner indonesischen Familie. Paul, Yaya und ihrem Sohn Steven Munthe. Es war sehr schön, den letzten Abend mit der Familie zu verbringen, von der ich das letzte halbe Jahr ein Teil sein durfte.
Am Morgen kamen zwei Mitarbeiterinnen der Kirche, Lermianna und Martina noch ins Munthe-Haus, so konnte ich mich auch von den beiden, die ich sehr in mein Herz geschlossen hatte, verabschieden.

Sonntag, den 22. März flog ich mittags von Medan los. Erst als der Flieger sich vom Boden loslöste und ich Sumatra von oben erblickte realisierte ich so wirklich, dass ich womöglich so schnell nicht mehr zurück kommen könnte.
Währenddessen war meine Mitfreiwillige Milena bereits unterwegs von Papua nach Jakarta, wo wir uns dann trafen und ein freudiges Wiedersehen hatten, nachdem wir uns im Januar das letzte Mal sahen.
Und dann war es auch noch Milenas 19. Geburtstag – der Tag der Rückreise… Ein großes Gefühls-Chaos, das in uns beiden tummelte. Es zerbrach uns das Herz, wir beide hatten Indonesien so lieb gewonnen. Ich war so froh, zu zweit, gemeinsam mit Milena die Rückreise anzutreten und habe noch ein Mal gespürt, wie dankbar ich bin, eine so wunderbare Mitfreiwillige im selben Land gehabt zu haben.
Ein wenig Zeit hatten wir in Jakarta zu überbrücken, zu realisieren, zu verstehen, darüber zu sprechen, was gerade vorging. So nahmen wir in einem Restaurant in Jakarta noch eine letzte Mahlzeit auf indonesischem Boden ein.
Abends ging es weiter nach Katar, Doha.
Von dort die letzte Etappe nach Frankfurt, wo wir am 23. März morgens um 6 Uhr landeten.

Zurück in Deutschland – Und das so unerwartet früh!

 

Ich danke allen, die mich die Zeit über so wunderbar, von nah und fern begleitet und unterstützt haben, meinen Blog verfolgt und meine Rundbriefe gelesen haben!

Ganz liebe Grüße aus Wiesbaden,
Emily

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