Bericht Nr. I. – selbstverständlicher LUXUS, moderne ERZIEHUNG und Gedanken zur RELIGION

Der Zweck eines Berichtes ist meiner Meinung nach erlangtes Wissen und neue Erkenntnisse darzulegen, daher werde ich mich auf wenige spezifische Momente beschränken. Jedes geschriebene Wort ist mit der Kenntnis aufzufassen, dass es aus der Sicht eines einzelnen Individuums geschrieben ist. Es ist keinesfalls ein allgemein gültiges Gesetz und sollte hinterfragt werden.

 

 

SELBSTVERSTÄNDLICHER LUXUS

In Sachsen arbeitete ich zwei Jahre während meiner schulfreien Zeit in einem Kino, dem Bautzener Filmpalast. Meine Aufgaben brachten mich zwangsweise dazu mehrere hundert Stunden meines Lebens in dieser Institution zu verbringen – was ich im Endeffekt sehr genoss. Es gab Wochen, in denen ich täglich im Kino war. Es vermischte sich Arbeit mit Leidenschaft und ich sah unzählige Filme mit vielen Mitmenschen.

Es ist nicht wirklich abwegig für mich, dass ich auch in meinem freien entwicklungspolitischem Jahr in Kapstadt Teile meiner freien Zeit in verdunkelten Räumen verbringe und eine beleuchtete Wand anstarre. Seit meiner Ankunft habe ich bereits mehr als eine Handvoll Kinotickets gesammelt. „Once upon a Time in Hollywood“, „IT – Chapter Two“, „Joker“ oder „The Hustlers“ waren cineastische Werke, die mich in den Bann zogen. Wie viele Menschen teilten auch einige meiner Kollegen und Kolleginnen aus der NEW WORLD FOUNDATION diese Leidenschaft.

Kino bietet unbegrenzten Freiraum für Diskussionen und Gespräche —

„Filme sind wie eine Schachtel Pralinen — man weiß nie, was man bekommt.“

  • Frei nach einem berühmten Filmcharakter

Ich wurde eingeweiht, dass aller zwei Monate ein gemeinsamer Kinoabend im Kollegium stattfindet und jeder der will, sich der Gruppe anschließen kann. Meine Mentorin ließ eine allgemeine Einladung an alle herum gehen, suchte einen angemessenen Film heraus und legte das Datum fest.

Gesagt getan – es entstand eine Gruppe von einem Dutzend Cineasten. Wir kauften uns herzhaftes Popcorn (untypisch für mich als süßer Bautzener Kinogeist), Cola und platzierten uns auf die Sitze. Der äußerst ehrliche und hochgradig feministische Film „The Hustlers“ bracht die Gruppe zum Lachen, Nachdenken und im Endeffekt zum Reden. Nachher bei der postfilmischen Auseinandersetzung sprach ich mit einer 38jährigen Kollegin von mir und es kam zum Thema der Anzahl der persönlichen Kinobesuche. So wie ich nun einmal bin, ließ ich meinen leidenschaftlichen Cineasten-Johann heraushängen und erzählte ihr von meinen Kinobesuchen und meiner Arbeit in Deutschland. Sie hingegen ließ mich wissen, dass an diesem Tag es ihr erster Kinobesuch in ihrem gesamten Leben war.

Im Nachhinein beschreibe ich mein Verhalten ihr gegenüber als beschämend, unakzeptabel und einfach nur falsch. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dies tatsächlich der Fall war, dass sie nie einen Kinosaal betreten hatte und neckte sie daher in dieser Hinsicht. Ich war förmlich in Wallung, lud sie zu weiteren Besuchen ein und versprach ihr ihre innere Filmcineastin zu finden.

Nun, was habe ich daraus gelernt?

Am nächsten Tag, früh, am Anfang der Arbeit kamen wir vier deutschen Freiwilligen herein, grüßten üblicherweise und kurz darauf wurde ich von meiner Kollegin gebeten, ihr zu folgen. Sie nahm mich in den noch leeren Wartesaal gegenüber vom Empfangs-Schelter. In einem höflichen, überlegten und nicht vorwurfsvollem Ton machte sie mir deutlich, dass es Sachen gibt, die ich ohne mit der Wimper zu zucken, als selbstverständlich hinnehme. Sie erklärte mir in kurzen Sätzen, wieso sie selbst etwas wie einen Kinobesuch nicht wahrnehmen kann. Dazu kam, dass sie ihre innere Filmcineastin bereits seit langem kennt und mein Angebot dankend zurückwies. Ihre Entscheidung, dies mir zu offenbaren, viel ihr nicht leicht und sie gab mir ehrlich zu verstehen, dass sie es dennoch gesagt haben wollte. — Ich blieb sprachlos in diesem Raum stehen, bis mich meine Mitfreiwilligen aus den Gedanken rissen und die Arbeit anfing. Den ganzen Tag dachte ich unreflektiert darüber nach, wie ich meine sehr wertgeschätzten Kollegin um Verzeihung bitten und ihr Dank zollen könne. Dabei sank ich tiefer und tiefer in die Spirale, aus der ich so dringend versuchte zu entkommen. Meine Gedanken waren zuerst:

Sollte ich ihr einen Kinogutschein für den nächsten gemeinsamen Filmabend schenken oder das Popcorn ausgeben? Sollte ich sie lieber nicht mehr darauf ansprechen? Wie kann ich diesen Unterschied des Luxus-Auslebens zwischen uns überhaupt verändern? etc…

Dabei wollte sie mich doch auf etwas so simples aufmerksam machen, dass ich erst jetzt beginne langsam zu verstehen. Es geht nicht primär darum sich zu entschuldigen oder etwas verändern zu wollen, sondern zuerst sich bewusst zu machen, welch gewaltige Unterschiede existieren. Sie öffnete mir die Augen, dass ich im äußersten Maße privilegiert bin — hier sitze ich nun, in meinem Apartment in Kapstadt, mit wunderschönem Ausblick auf Table Mountain, schreibe auf meinem PC diesen Bericht, höre ABBA und trinke eine vorzügliche Tasse heißen Rooibos-Tee. Ich nahm in meinem bisherigen Leben so vieles für selbstverständlich und ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden. Wovon vieles für andere Menschen sehr schwer zugänglich ist. Es geht nicht darum Luxus zu verteufeln oder denjenigen zu verurteilen, der diesen auskostet – es geht darum ein Bewusstsein zu entwickeln, welches mir verdeutlicht, was ich alles ausüben kann. Luxus ist nicht gut oder schlecht, es ist etwas, was viele Menschen anstreben – keinesfalls ist es verboten oder sogar falsch sich ein besseres Leben zu wünschen. Es ist menschlich nach einem schöneren Leben zu streben, oder? Sei es das neue Handy, ein Buch oder eben ein Besuch im Kino. Aber man muss stets im Hinterkopf behalten, was der Preis für diesen Luxus ist. Sobald mir das bewusst wurde, erkannte ich, wie beschränkt ich in meinen Gedankenzügen war und wie kleinkariert ich handeln wollte. „Was für mich selbstverständlich ist, muss für andere ebenfalls selbstverständlich sein.“ —

Bei unserem nächsten Treffen nahm ich meinen Mut zusammen und entschuldigte mich für mein unangebrachtes Verhalten, erklärte ihr, dass ich mir nun meines Privilegs bewusst bin, weiter darauf achten würde und dankte ihr für die einleuchtenden Worte.

 

 

MODERNE ERZIEHUNG

Meine Aufgabe in der NWF besteht darin mit meinen Mitfreiwilligen Ema, Felix und Naomi und lokalen Freiwilligen Granville und Elvin in der Aftercare, für Kinder und Jugendliche von 9 bis 18 Jahre, Workshops zu gestalten. Außerdem assistiere ich in der Younger Aftercare bei Teacher Shereen mit Kindern im Alter von 5 bis 8 Jahren.

Kinder sind Kinder und sie lieben sich zu streiten. Es ist bei mir nicht allzu lange her, da war ich selbst noch einen Meter hoch und im schwungvollen Stadium der Pubertät (tatsächlich ist diese Phase sogar noch nicht einmal wirklich vorbei). Mit anderen Worten, ich sah wie ein kleiner Junge in der Younger Aftercare einem anderen eins auf die Nase gibt. Wie ich auch in Deutschland bei meinem eigenen kleinen 9jährigen Bruder reagiert hätte, ging ich auf den Jungen zu und erklärte ihm, dass dieses Verhalten nicht korrekt sei. Gewalt ist nie eine Lösung, ein Spruch, den ich als Kind endlose Male vernahm. Mein erster Blick auf diese Situation brachte mich zu dem Entschluss des Opfer-Täter-Prinzips.

Die Reaktion des Kindes auf das Zurechtweisen ist wahrscheinlich der Leserschaft durchaus bekannt. „He called me names–“ („Er hat mich beleidigt“). Als neutral agierende Person sagte ich ihm, dass ich dies nicht gesehen habe, daher den anderen Jungen nicht zur Verantwortung ziehen kann und es gleichzeitig keine Rechtfertigung für Gewalt sei. Er schwieg.

Bei einem erneuten Auftreten von Gewalt ausgehend von dem selben Jungen, nahm ich ihn mit Erlaubnis von Teacher Shereen aus der Gruppe und setzte mich mit ihm gemeinsam an einen Tisch, um ihm zu erklären, warum sein Verhalten falsch sei. Mir fiel in keinster Weise auf, in welche Situation ich dieses Kind brachte. Er saß verschlossen und leise da, ohne irgendwelche Zeichen von Erkenntnis zu zeigen – wie der Zufall so wollte, ging in diesem Moment ein Kollege an mir vorbei und sah diese Situation. Ich bat ihn um Hilfe und wir gingen zu dritt in sein Office.

Uncle Colin ist ein ruhiger, hoch geachteter und weiser Kollege in der NWF, der sich für alle Menschen, egal welchen Hintergrunds und Status, gleich einsetzt. Ich bin der Auffassung, dass ich in meinem Auslandsjahr vieles von ihm lernen und für mein späteres Leben mitnehmen werde. Er hatte in seinem Leben viel durch- und erlebt. Vieles gesehen, vieles gelernt und sich durch Bescheidenheit und Menschlichkeit ein Platz in den Herzen seiner Mitmenschen erarbeitet. Auch bei Kindern.

In seinem Office erklärte ich ihm kurz die Situation und meine Herangehensweise. Uncle Colins Weg, um zum kleinen verschlossenen Jungen zu gelangen hat mich umgehauen. Er hat mein Verständnis von Erziehung von innen nach außen umgekehrt und das mit nur wenigen Worten. Dabei sah ich, wie reif und verständnisvoll mein Kollege mit Kindern in stressigen Situationen agieren kann.

Colins eigene Herangehensweise:

  • Ruhe in die stressige Lage bringen und beibehalten
  • Dem Kind deutlich zeigen, dass es sich nun frei und sicher fühlen darf, denn niemand hat das Recht auf dieses Kind Hass oder Wut zu empfinden … Alle machen Fehler, es ist nur wichtig daraus zu lernen
  • Beim Kind erfragen, warum es so gehandelt hat (was oder wer hat dazu geführt)
  • Wichtig: Verständnis aufzeigen, denn alle Gefühle, die ein Mensch empfinden kann sind natürlich
  • Kein Täter-Opfer Bild hervorrufen, denn dies führt zu Gefühlen von Minderheit
  • Gleichzeitig aber nicht die Tat herunter spielen (sicheres Gleichgewicht finden) und besonnen erklären, wieso solches Verhalten nicht gut ist
  • Versuchen aufzuzeigen, was das Kind später anders machen kann (Möglichkeiten bieten aus ähnlichen Situationen einen Ausweg zu finden)

Uncle Colin bat mich ihn und den Jungen allein zu lassen, daraufhin ging ich zurück zur Klasse. Nach einer viertel Stunde kam er mit dem Jungen zurück und bat um Aufmerksamkeit. Er erläuterte, was „Bullying“ (Mobbing) ist und die Gefahren dessen. Alle hörten gespannt zu und aus meiner Sicht fühlten sich alle gleich angesprochen. Worte können genauso schmerzhaft sein wie Schläge – daher bat Uncle Colin den Jungen nicht mehr um sich zu schlagen und seine Mitschüler und Mitschülerinnen nicht mehr den Jungen zu beleidigen.

Nach diesem Arbeitstag hatte ich noch ein kurzes Gespräch mit Uncle Colin in dem ich lernte, dass man immer den Hintergrund des Geschehens im Blick halten muss. Was ich an dem Tag in der Kindergruppe sah, wie ein Kind ein anderes Schlug, das ist nur die Spitze des Eisberges. Es ist sehr wichtig den Weg zu dieser Spitze zu beachten. Mit meinem Verhalten brachte ich den Jungen nur noch tiefer in seine unschöne Situation, er wurde beleidigt, hat sich versucht auf seine Art und Weise zu wehren und wurde dazu von mir als Täter degradiert – niemand würde sich in solch einer Situation wohl fühlen.

Mit dieser spezifischen Situation möchte ich auf meine Erkenntnis aufmerksam machen, die ich im weiteren Verlauf meiner Zeit hier in der NWF versuche anzuwenden. Zwar sehe ich eine Aktion, darf aber nach Beurteilung dieser nicht sofort handeln – ich muss im Klaren sein, wie es zu dieser Aktion kam.

 

 

GEDANKEN ZUR RELIGION

„Jeder gute deutsche Haushalt muss vier Bücher beinhalten: die Bibel, den Koran, die Thora und das deutsche Grundgesetz.“

  • Johanns ehemalige und nun auch schon pensionierte Gesellschafts-/Rechts- & Wirtschaftswissenschaften (kurz GRW) Lehrerin

 

Ich bin weder Hindu, noch Christ,

kein Jude und Moslem,

und auch kein Buddhist,

aber überzeugter Humanist – seit langem.

Es gab keine Kultur

in Menschheitsgeschichte,

die keine religiöse Spur

verfasste und nach ihr sich richtete.

Man ist nicht einverstanden,

gehend von Staub zu Staub,

zu verschwinden –

Das ist doch kein Lebenslauf!

Der Sinn fehlt.

Die Bedeutung eines Selbst.

Die Hoffnung geht,

genau wie die Lebenslust.

Ich kann von jedem Glauben

Von Jeder Philosophie

Etwas aufnehmen, staunen

Und endlos lieben.

Dabei bin ich froh zu sehen,

Wie die Religionen hier stehen –

Im Gleichgewicht

Zu einander

Von Angesicht zu Angesicht.

Kein Streit, Kampf

Hass oder Gewalt.

Wir teilen auf Arbeit

Ein Zimmer,

welches Frieden ausstrahlt –

Immer und Immer!

 

{Meditation & Prayer Room}

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