Ein kritischer Blick auf ruandische Schulsystem

Guten Morgen aus Ruanda,

Entschuldigt bitte, dass über einen Monat kein neuer Blogeintrag erschienen ist. Weshalb das so ist, wird in diesem Beitrag bestimmt klar und ist eigentlich für mich erfreulich. Denn ich saß die letzten vier Wochen nicht mehr täglich im Büro, weil sich die Kollegen noch im Urlaub befanden. Ich schreibe gerade an meinem zweiten Rundbrief und werde hier die verschiedenen Themen die ich dort behandele, einzeln hochladen. Viel Spaß beim lesen!

Ein knappes halbes Jahr lebe ich jetzt hier – es ist nicht leicht. Besonders der fehlende Kontakt zu Mitmenschen macht mir sehr zu schaffen. Der ein oder andere Smalltalk findet zwar mal statt, aber auf Dauer reicht es mir persönlich nicht, ein Jahr lang über das Wetter zu sprechen. Woran es liegt, dass ich bisher noch kein tiefgreifenderes Gespräch führen konnte, was ich mir anfänglich erhofft hatte? Eine einfache Antwort gibt es nicht, aber um die Frage zumindest teilweise beantworten zu können, möchte ich das ruandische Schulsystem ein bisschen näher erläutern.

Seit Anfang dieses Jahres arbeite ich nachmittags in der Primaryschool, die ebenfalls zu meiner Diözese gehört, da es im Büro nach wie vor gar keine Aufgaben für mich gibt. Es handelt sich um eine christliche Privatschule, von den Jahrgängen eins bis sechs. Außerdem gibt es dort eine Nurseryschool, die drei Jahre dauert und in denen Kinder mit drei Jahren beginnen können, die also eher einem deutschen Kindergarten ähnelt. Das Schuljahr begann am 06.01. und so konnte ich einfach miteinsteigen. Anfänglich war ich in der Primary drei (P3), also der dritten Klasse, aber als ich einmal in der P5 selbst Englisch unterrichten sollte merkte ich schnell, dass mir das viel größeren Spaß macht. Dort sind die Kinder zwischen ca. zehn und sechzehn Jahren alt und verstehen schon ein bisschen mehr Englisch, was das Unterrichten wesentlich angenehmer macht. Seit ich einmal dort war, gehe ich jeden Nachmittag nach der Mittagspause um 13.15 Uhr dort in die Klasse und unterrichte Englisch. Ich kann schon mehr Namen, als ich es je für möglich gehalten hätte und habe sehr viel Spaß daran, vor der Klasse zu stehen. Häufig geht der eigentliche Lehrer weg, manchmal in eine andere Klasse, manchmal irgendetwas erledigen und ich frage mich, was die eigentlich ohne mich machen würde.😉 Das ist ein schönes Gefühl, weil ich endlich einen Sinn in meiner Zeit hier sehe, während ich dort mit den Kindern Zeit verbringe. Nach anfänglichen Verständigungsproblemen, wegen verschiedener Akzente (einige würden denken, ich würde Chinesisch sprechen, wenn ich mein britisches Englisch mit deutschem Akzent auspacke…), klappt es immer besser. Und auch wenn es ab und zu mal laut wird, klappt es doch immer wieder, eine Aufgabe zu vergleichen und am Ende der Stunde, nach zweieinhalb Stunden Unterricht gegen 16.00 Uhr, ein neues Spiel zu spielen.

Was für die Schüler und Schülerinnen ebenfalls ungewohnt ist, ist meine Art des Unterrichtens, die natürlich eher deutsch geprägt ist, so wie ich es von meinen Lehrern und Lehrerinnen gewohnt bin. Die weicht sehr von dem ausschließlich traditionell frontalen Unterricht in Ruanda ab. Daher kennen es die Kinder nicht, selbstständig etwas zu erarbeiten, sondern wiederholen normalerweise das, was der teacher, wie alle Lehrerinnen und Lehrer genannt werden, an die Tafel schreibt. Ich weiß nicht wie oft in einer Stunde vom teacher die Aufforderung „repeat“ benutzt wird – es sind etliche Male. Das hat zur Folge, dass in den Tests, die jeden Freitag geschrieben werden, immer geschlossene Fragen gestellt werden, auf die es „quasi“ nur eine richtige Lösung gibt – also aus meiner Sicht nur Aufgaben im Anforderungsbereich eins abgedeckt werden. „Quasi“ deshalb, weil mir viele andere mögliche Antworten einfallen, die zu der Aufgabe passen würden, aber die nicht im Unterricht gelehrt wurden. Ich habe vorsichtig nachgefragt und erfahren, dass dieses Prinzip vom Wiedergeben was der teacher gesagt hat, auch in der Secondaryschool, also den Schuljahren sieben bis zwölf, so weitergeführt wird, was ich aber selbst nicht beurteilen kann.

Die Folge dessen ist, und das bringt uns immer näher an die Antwort meiner anfänglich gestellten Frage, dass Schülerinnen und Schüler nicht lernen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Und das ist eins meiner größten Probleme hier. Menschen diskutieren nicht. Darüber habe ich mit einem Deutschen gesprochen, der seit mehreren Jahren in Kigali lebt und er bestätigt, dass sich Menschen hier viel weniger bis gar nicht konstruktiv auseinandersetzen. Somit bleibt jedes Gespräch an der Oberfläche, da ja keine eigenen Standpunkte vorhanden sind. Das ist jetzt natürlich sehr allgemein ausgedrückt, aber eben mein momentaner Eindruck. Natürlich gibt es auch in Deutschland diskussionsfreudigere Menschen und welche, die sich auch dort schwertun eine eigene Meinung zu vertreten. Aber durch die Medienvielfalt und ein ausgeklügeltes Schulsystem, das darauf spezialisiert ist, Meinungsvielfalt zu fördern, sind die Voraussetzungen ganz andere.

Dadurch, dass hier seit Ende des Genozids 1994 ein autoritärer Machthaber, Paul Kagame, herrscht, besteht seinerseits kein Interesse daran, eigene Meinungen zu fördern und somit kritische Sichtweisen zu fördern. Daher ist es kein Wunder, dass er das Schulsystem in diese Richtung ausgerichtet hat. Ein weiteres Problem ist, dass die Amts- und damit auch die Unterrichtssprache erst vor wenigen Jahren von Französisch auf Englisch umgestellt wurde. Ruanda war eine belgische Kolonie, weshalb die älteren Menschen Französisch sprechen. Doch der Genozid 1994 hat einige Umbrüche mit sich gebracht. Nicht nur in Hinblick auf die Psyche der Menschen, sondern auch auf die Sprache. Paul Kagame, gebürtig aus Uganda stammend hat im April 1994 den Genozid selbst in seiner Person beendet. Ich habe erfahren, dass er mit ugandischen Truppen einmarschierte und für ein Ende des Blutvergießens sorgte und deshalb bis heute, besonders von denen, die damals schon gelebt haben, verehrt wird. Dadurch, dass Uganda jedoch während der Kolonialzeit von englischsprachig wurde, spricht Kagame bis heute nur Englisch und hat die Amtssprache mit seinem Amtsantritt geändert, so dass er sie sprechen kann.

Das hat zur Folge, dass das Schulsystem vor einigen Jahren (ich schätze vor zehn bis 15), von einem Tag auf den anderen umgestellt wurde und alle Lehrerinnen und Lehrer auf einmal auf Englisch, anstatt wie bisher auf Französisch zu unterrichten. Ohne jegliche Aus- oder Weiterbildung in der Sprache. Aufgrund dessen kann nicht nur die Generation der jetzt 20 bis 25-jährigen weder richtig Englisch, noch Französisch, auch ist der Englischunterricht bis heute nicht besonders professionell. Dazu kommt, dass Lehrerinnen und Lehrer hier nicht ausgebildet sind. Sie haben in der Regel die Secondaryschool nach zwölf Jahren abgeschlossen und können dann direkt eine eigene Klasse übernehmen und unterrichten. Ohne pädagogische Kenntnisse und mit einem Englisch, was sie selbst aus der Schule mitgenommen haben. Kein Wunder also, wenn das von ihnen unterrichtete Englisch meinen grammatikalischen Ansprüchen teilweise nicht gerecht wird. Es ist wirklich eine Herausforderung ruhig zu bleiben und sich nicht aufzuregen, wenn Lehrer und Lehrerinnen bei he, she, it kein s ans Verb hängen, Namen kleinschreiben oder keine Artikel vor Nomen verwenden – was ich den Schülerinnen und Schülern gerade mit aller Kraft beizubringen versuche. Und wenn sie etwas falsch an die Tafel schreiben, kann ich sie auch schlecht korrigieren. Trotz dieser kritischen Einschätzungen noch ein paar fröhliche Impressionen vom nachmittäglichen Basketballspielen und der improvisierten Schulklingel, die letzte Woche aufgehängt wurde, um das Ende der Pausen anzudeuten:

 

So weit erstmal meine Eindrücke und Erfahrungen was die Bildung hier in Ruanda betrifft.

Macht es gut und habt eine tolle Woche,

Eure Hannah

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